04.04.12   08:41

Tipps für Unternehmer

Gerechtigkeit als Fairness in Unternehmen

Dr. Josef G. Böck, Singhammer Consulting AG

Meine Selbstwahrnehmung zur Frage der Fairness ist das eine, ob ich damit aber erfolgreich bin, eine andere. Nicht jeder wird meine Überzeugung teilen, dass sich Fairness am langfristigen geschäftlichen Erfolg ablesen lässt. Auch dass die Attraktivität als Arbeitgeber ganz entscheidend vom Grad der Fairness abhängig, mit dem sich Vorgesetzte und Mitarbeiter begegnen, mag manchen als unzulässige Vereinfachung erscheinen. In diesen Tagen, in denen wir wieder einmal um die Gunst von Bewerbern buhlen, würde ich gerne ein paar Gedanken zum Herangehen ans Thema Fairness bei der Unternehmensentwicklung vor Ihnen ausbreiten, die mir weitergeholfen haben.

Auf der Suche nach einem Weg, wie man als Manager oder Unternehmer ein nach Fairness strebendes System entwickeln kann, lohnt sich ein Blick über den Tellerrand unseres Handwerks auf die Thesen von John Rawls in seinem Buch Gerechtigkeit als Fairness (dt. Ausgabe Suhrkamp Verlag, 2003). Seine Intention ist zwar, Prinzipien für eine wohlgeordnete Gesellschaft zu entwerfen, aber die Übertragung seiner spannenden Überlegungen auf den Aufbau von Unternehmen erscheint mir außerordentlich hilfreich.

Bei der Erarbeitung eines fairen Systems, das von möglichst vielen Personen im Unternehmen als solches geschätzt wird, schlägt John Rawls vor, sich einen Urzustand vorzustellen, von dem aus man seine Überlegungen beginnt. Den Moment der Unternehmensgründung kann ich mir ganz leicht als einen solchen Urzustand vorzustellen; bei genauerem Hinsehen kann man auch die Erschließung neuer Geschäftsfelder oder die Bildung neuer Teams für neue Aufgaben darunter fassen. Rawls schlägt vor, man möge sich von seinen Rollen und aktuellen Positionen befreien und so tun, als könne man das zukünftige System frei vereinbaren. Der Trick dabei ist, dass die an der neuen Einheit Arbeitenden erst festlegen, wie sie ausgestaltet sein soll, aber zum Zeitpunkt des Definierens sollen und dürfen sie noch nicht wissen, welche Rolle sie später darin spielen werden. Konkret heißt das, dass ein Team von Unternehmensgründern beim Entwurf einer Firmenphilosophie so herangehen muss, als wisse es noch nicht, wer von ihnen der Geschäftsführer, wer der Verkäufer und wer beispielsweise der Logistiker sein wird. Bei der Prüfung eines neuen Geschäftsfeldes könnten nicht nur die internen Rollen mit dem "Schleier des Nichtwissens" belegt sein, sondern auch, ob man für das Geschäftsfeld Mitarbeiter, Zulieferer oder Kunde sein wird. Diese Herangehensweise wird im eigenen Interesse ein faires und gerechtes System zur Folge haben - Nachteile könnten einen ja selber treffen oder einseitige Vorteile anderen zu Gute kommen.

Fairness als Gestaltungsprinzip setzt gleichwertige und freie Personen  voraus. Sie verhandeln über die Modalitäten, die in der auf gegenseitige Vorteile bedachten Kooperation gelten sollen. Im Normalfall verfügen solche Menschen über einen wirksamen Gerechtigkeitssinn, mit Hilfe dessen sie die Regeln für die Zusammenarbeit verstehen und anwenden können. Als Unternehmer sehe ich in ihnen das Bild von Mitarbeitern als Mit-Unternehmer, von Personen auf Augenhöhe und von unternehmerischen Einheiten, die sich gegenseitig als Partner schätzen. So verstanden wird aus dem Prinzip der Fairness  nicht Gleichmacherei. Mitarbeiter, wie wir sie suchen sollten,  können die Fähigkeiten von Kollegen durchaus differenziert einschätzen und daraus z.B. unterschiedliche Verantwortungs- und Machtverteilungen und eine sich daraus ergebende unterschiedliche Bezahlung ableiten. Wichtig ist, dass die Entscheidungen vorher definierten, als fair betrachteten Prinzipien folgen. Verhindert werden mit diesem Ansatz aber Verschiebungen im System durch Personen oder Einheiten, die eine temporär vorhandene, überlegene Verhandlungsposition einseitig ausnutzen. Als Manager hat man immer die Chance, schon bei der Personal- wie auch Lieferanten- und Partnerwahl darauf zu achten, dass solche Menschen dem System beitreten, die aus dem Blickwinkel der Fairness integrierbare Überzeugungen mitbringen. Damit startet ein System von vornherein stabil und Energie wird nicht primär auf Positions- und Verteilungskämpfe verwandt.

Die Orientierung an Fairness  kann auch bei der Beantwortung der Frage helfen, wie schnell man zu welcher Firmengröße wachsen sollte. Kaufmännische Erwägungen mal außen vor gelassen, begrenzt die Fähigkeit, im Wachstum zu allen Beteiligten fair zu sein, das Tempo der Unternehmensentwicklung. Kann man das Prinzip der Fairness nicht mehr aufrechterhalten, ist Raum und Zeit für ein Durchschnaufen angesagt. Ablesen kann man es daran, dass man einzelnen über lange Zeit zu viel abverlangt oder wenn das Management damit überfordert ist, die formulierten Handlungsleitlinien schnell genug auf neue Bereiche zu übertragen.

 Die maximale Größe eines Unternehmens schließlich ist durch die Möglichkeit begrenzt, in allen Bereichen jeder Zeit aktiv für Fairness sorgen oder gegebenenfalls sogar die Regeln neu und allgemeingültig formulieren zu können.

Sie werden jetzt jede Menge Fragen und "Abers" auf der Zunge haben. Gerne wäre ich auf einige von ihnen hier vorauseilend eingegangen. Die Fairness gegenüber der Redaktion dieses Unternehmerbriefes gebietet es aber, dass ich mich an meine vorher vereinbarten ca. 50 Zeilen halte.

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